Bilder von daheim

Ein Projekt über Heimat. Work in progress.

Die Fotografien sind Ansichten, Einsichten, Aussichten: manchmal zynisch, manchmal patriotisch, mitunter auch verärgert oder beeindruckt.

Klischees, Kitsch, Kritik – Die Bilder vergleichen, stellen fest und/oder gegenüber. Sie stellen Fragen, ohne bewerten zu wollen, sind ein Apell, genauer hinzuschauen und nichts unveränderlich zu glauben.


Zur Ausstellungseröffnung. Text: Karl-Heinz Grill

julia hitthaler, nordtirolerin

wenn der jetztmensch unterwegs ist von a nach b bedient er sich eines navis, eine freundliche stimme sagt zu ihm, nach 100 m links, 10km geradeaus, und so fort, sie haben ihr ziel erreicht und manchmal sagt die freundliche stimme auch – wenn möglich bitte wenden.
und wenn dieser jetztmensch sportlich unterwegs ist auf einem mountainbike oder auf langlaufschiern schnallt er sich eine elektronische fitnessfessel um, sie zählt die schweißtropfen die er bereits vergossen hat, berechnet wie lange er sich noch quälen muss, verzeihen sie mir den kraftausdruck, bis bis der arsch wieder in die hose passt oder weißt ihm gar den weg zum nächsten defibrilator und errechnet die wahrscheinlichkeit mit der er bei gleichbleibendem tempo diesen auch erreichen wird, wenn nicht, setzt er einen automatischen notruf ab..
keines dieser gadgets sagt zu uns, halt, bleib stehen und schau.
ich hab in meinem leben wenig reden gehalten und noch weniger gedichte geschrieben, zu einem aber hat mich julia hitthaler inspiriert, keine angst ich werd es nicht zum besten geben, nur die erste zeile will ich zitieren, sie lautet: was liegt dazwischen.
genau das zeigt uns julia hitthaler mit ihren fotos, das innehalten zwischen a und b und einfach zu schauen dort nachzuschauen..
es gibt in diesem land zwei sorten von menschen, die einen die es in den süden zieht, an den gardasee oder in die toskana, wohin es julia hitthaler auch manchmal verschlägt aber eigentlich ist sie eine nordtirolerin, ihre sehnsuchtslandschaften liegen im norden in island, in irland oder in schottland. konsequenter weise ist ihr blick auf unser nordtirol auch eher kühl und distanziert ein bisschen knorrig manchmal, das ironische ist oft erst auf den zweiten blick zu entdecken.
julias sohn, fabio, fragte neulich einmal, was denn die chaostheorie sei.
darauf gibt es viele antworten, eine davon ist die
berühmten gegenfrage:
wie lang ist die küstenlinie großbritanniens.das kommt auf den maßstab an, den du anlegst. je feiner der raster um so länger die küstenlinie. julia legt einen sehr feinen raster über unser land, deswegen sind die wege oft komplex.
mein heimatgefühl ist an einen berg gekoppelt schreibt sie.
und damit komme ich schon zum ende: tirol ist keine einfache heimat.

ich wünsche euch einen angenehmen abend.



Es ist nicht fertig. Dieses „Projekt“ hat gar keinen Anfang und kein Ende. Es hat sich entwickelt, wie sich die Fähigkeit zum kritischen Denken entwickelt. Es ist sozusagen passiert. Es ist entstanden im Sinne eines natürlichen Prozesses. Durch Beobachtung, durch Diskussionen, durch Auseinandersetzung. Zuerst im Kopf, erst dann sind konkrete Bilder daraus geworden. Bilder, die man ausdrucken und in einen Rahmen stecken kann.

Es ist work in progress. Es sind meine Beobachtungen meiner Umwelt. Es ist ein Nachdenken über das Leben, ausgehend vom eigenen. Jeden Tag kommen Bilder dazu. Manche bleiben im Kopf, weil vielleicht gerade keine Kamera zur Hand ist, und sind mir doch ebenso präsent, wie ein Abzug. Sie entwickeln sich weiter, warten auf das nächste Bild und verbinden sich zu etwas Neuem.

Was sie zeigen, ist ganz einfach. Es ist nicht verändert, nicht gestellt, geschönt oder arrangiert. Es ist da. Es ist wie es ist und was es ist. Und dennoch sind diese Bilder etwas sehr Persönliches, bilden sie doch, wie Wim Wenders es beschreibt, immer auch einen Teil des Fotografen mit ab, friert die Kamera das was vor und das was hinter ihr liegt ein.

Sie sind nicht die Realität. Aber ein Teil davon. Die Fotografien zeigen das, was ich sehe, wenn ich durch die Gegend streife. Ständig entdecke ich etwas Neues. Manches ist wunderschön, manches macht stutzig, traurig, nachdenklich, mitunter auch zornig. Manches bringt zum Lachen, wühlt auf, ärgert, lässt zynisch und mitunter dankbar sein. Oder auch nicht.

Diese Bilder wollen nichts durch die rosarote Brille zeigen, sie wollen nicht jammern, kritisieren, anschwärzen. Sie wollen nicht bewerten, sie geben keine Antworten, sie stellen Fragen.

Es sind Fragen über Gewohntes, Bekanntes, Stillstand, Entwicklung, Veränderung. Es sind Fragen an mich und Fragen an das Kollektiv. Wie war es, wie ist es, wie wird es werden und wie will ich, dass es wird?

Diese Bilder sind ein Apell hinzuschauen, genau hinzuschauen, zu reflektieren und eben selbst Fragen zu stellen, zu hinterfragen, sich eine Meinung zu bilden und diese auch zu äußern, Partei zu ergreifen und sich einzumischen. Sie sind eine Einladung, nichts unveränderlich zu glauben.

Bilder von „daheim“ – Dieser Titel bezieht sich auf die Orte, an denen diese Fotografien entstanden sind. Daheim, das ist für mich der Lebensraum, in dem man sich den Großteil seiner Zeit über aufhält, in dem man mal größere, mal kleinere Kreise zieht, an den man immer wieder zurückkehrt, zu dem man sich irgendwie auch zugehörig fühlt. Ein Zusammenspiel zwischen Raum und Zeit und Mensch. Nicht nur Tirol, aber viel Tirol.

Tirol ist ein Urlaubsort, ein Sehnsuchtsort. Man muss es nicht googlen, wie vielleicht eine Landschaft im Irgendwo Zentralfrankreichs. Allein die Nennung des Namens genügt, um ein Bild in den Köpfen entstehen zu lassen. Von unberührten Bergen und Skifahrern, von Staus und Luftverschmutzung. Tirol kennt viele Klischees. Und manchmal sind wir der Piefke-Saga näher, als uns lieb ist. Segen oder Fluch, abgesehen von der touristischen Benützung ist Tirol aber auch Lebensort, Arbeitsort, Wohnort, Heimatort.

Es ist eine fotografische Auseinandersetzung mit dem „Daheim“, dem Naheliegenden, ein Eintauchen und Nachdenken, eine Reflexion, wenn man so will. Patriotismus und Nestbeschmutzung, Klischees, Kitsch, Kritik – Die Fotografien sind ein Vergleich, ein Gegenüber-, ein Nebeneinander-, ein Feststellen.

Wie leben und wohnen wir, wie kaufen wir ein, wie produzieren wir unsere Nahrung, wie verbringen wir unsere Freizeit? Das Ergebnis sind Ansichten, Einsichten und Aussichten, die nicht gut oder schlecht, schwarz oder weiß, jedenfalls aber subjektiv sind und auch sein sollen.

Die meisten Menschen mögen Schönes. Was nicht schön ist, kann man zumindest schönreden. Die Werbung macht es mit ihrer manipulativen Art vor. Ich mag es, hinter die Fassade zu blicken. Bei Landschaften, bei Städten, bei Menschen. Was ist echt, was aufgesetzt? Und gibt es abseits der gestylten Vordergründigkeit möglicherweise etwas viel Interessanteres? Auch das, was vielleicht nicht als schön empfunden wird sehen. Auch das andere sehen.

Ob die richtigen Fragen gestellt wurden und welche Antworten es darauf geben kann, das ist die Arbeit, die dem Betrachter obliegt. Die Interpretation des Abgebildeten macht es individuell. Für diese Zugänge bin ich offen, auf sie bin ich gespannt.

Heimat ist ein Gefühl. Und meines ist irgendwie gemischt. Trotz allem ist der Zugang im Grunde ein optimistischer. Vielleicht manchmal ein etwas melancholischer.

Wohnen

Wie wohnen wir. Am Land oder in der Stadt, in der Villa am Bauernhof oder dem verdichteten Gemeindebau. In Wohnsilos, Tops, Wohneinheiten, in kleinen. Großfamilie, generationenübergreifend, alle zusammen, Vater, Mutter, Kind, Studenten-WG, alleinerziehen, allein, immer öfter alleine. Der Fernseher als wichtiger Mitbewohner. Ein Miteinander, das nicht mehr notwendig ist, ein Nachbar, den man nicht mehr kennen muss. Soziale Kontrolle, die weniger wird, Angepasstheit und Rollenbilder, die zum Dazugehören nicht mehr eingehalten werden müssen. Individualität, die möglicher wird. Mehr Freiheit. Oder doch nicht.

 

Wasser

Wasser höchster Qualität. In den Leitungen, in den Bächen und Seen. Wasser als Grundelement des Lebens, als Lebensmittel. Wasser als Rohstoff, Geschäfte mit dem Wasser. Wasser als Stromlieferant, Wasserkraft als grüne Energie. Wasser als Landschaftsprägendes und –veränderndes Element. Wasser als Naturgewalt, die gebändigt, vor der wir geschützt werden müssen. Mitunter vom Lebewesen zum Kanal degradiert.

 

Tiroler Schnitzel

Wie das Schnitzel vor sich hin wächst. Rindviecher und Schweinderl, die, wie es die Werbung verspricht, auf der Alm herumtollen. Die gibt es. Wenige. Tierproduktion, Großbetriebe, Wirtschaftlichkeit, Zuwachsraten. Fressen, schlafen, wachsen. Keine Sonne, die den Rücken streichelt. Ein bisschen wenig Leben.

 

Gemüse

Nahrung muss makellos sein. Wie das Cover-Model am Hochglanzmagazin. Sonst ist sie Müll. Entspricht nicht unserem Ideal von Schönheit. Landet am Haufen am Feldrand. Passt nicht in die EU-Norm. Eingehüllt in Fließ, geschützt im Folientunnel, durch Spritzmittel vor Krankheiten und Schädlingen bewahrt. Kunst-Düngung, Geschmack-los. Erntehelfer aus Osteuropa. Subsistenz unerreichbar. Aber ein Beitrag. Von daheim. Vor der Tür gewachsen. Nicht um die halbe Welt gefahren.

 

Tradition

Altes und Bewährtes schätzen. Festhalten und Verteidigen von Überholtem. Karikieren von Lebensrealitäten. Veränderung nicht verleugnen. Die Illusion der Beständigkeit aufgeben. Schützen und Göttinnen, Migrantinnen und Gastarbeiter. Platz lassen für Neues. Weil’s immer schon so war.

 

Skifoan

Fortschritt und Tourismusboom, Aufschwung, Entwicklungsland, Existenzgrundlage, Wohlstand, Arbeit, Urlauberschichtwechsel, Stau, Après Ski, . Nichtskifahrende Tiroler, keine „Skilager“ mehr. Weniger Schnee, mehr Kanonen. Weiße Streifen in grüner Landschaft. Schneegarantie. Klimawandel. Alternative.

 

Konsumwelten

Haben müssen, wollen, sollen. Glitzer-Shoppingtempel. Ablenken, kaufen, wegwerfen, Ersatzbefriedigung. Kassengesellschaft. Klassengesellschaft. Kontoauszug, Bankeinzug. Randgesellschaft, Aussteiger. Was braucht man zum Leben, nicht zum Überleben. Warum muss die Wirtschaft wachsen. Wo kommt das alles her. Just in time. Ursache und Wirkung. Konsumlüge. Produktionsbedingungen. Werbewelten und Scheinwelten. Nahversorger, Greißlersterben, Einheitsbrei. Back tot he roots. Handwerk. Selber machen.

 

Müll

Ist ein Geschäft. Wohin verschwindet er. Ressourcen. Über eine Mülldeponie streunen. Mit einer Katze. Es funktioniert noch, aber es ist nicht mehr schön und neu genug. Plastik-Ramsch, Sollbruchstelle, ersetzen statt reparieren. Wegwerfgesellschaft. Zeige mir, was du wegwirfst, und ich sage dir, wer du bist.

 

Landschaftsmöbel

Es ist wie in den Häusern und Wohnungen. Manche erfüllen einen Zweck. Werden benützt. Mobil oder fix. Praktisch oder unpraktisch. Andere sind nur da. Dekoration. Behübschung. Verunstaltung oder Bereicherung.

 

Architektur

Alt und neu. Besser oder schlechter. Symbiose. Qualität oder Ramsch. Renovieren, adaptieren, konservieren, abreißen. Formenspiel, zweckdienlich. Zubetonieren. Konservativ, klassisch, modern, sophisticated. Alt oder praktisch, praktisch oder schön, schön oder billig, benutzen oder anschauen. Und.

 

Bauwirtschaft

Mondlandschaften. Schotter. Zweideutiger. Das große Graben. Verunstaltung. Verletzung. Gestaltung durch Menschenhand und Baggerschaufel. Ganz neue Landschaften entstehen. Fortschritt, Entwicklung, Modernisierung. Und warum kann eigentlich nicht alles bleiben, wie es ist.

 

Energie

Strom und Wärme auf Knopfdruck. Bequem. Grüne Energie aus Holz und Wasser. Stromleitungen und Hausbrand. Aber bitte keine Windräder. Oder konsequente Förderung von Solarstrom. Dafür Cross-Border-Leasing. Heimelig erleuchtet und kuschelig warm. Masten, die wie Landmarken emporragen. Kleine, mittlere und große. Die den Blick verstellen. Und doch kaum mehr gesehen werden.

 

Mülldeponie Pill/Weer

Manches liegt im Verborgenen. Besser so. Was man nicht sieht, ist sozusagen fast gar nicht da. Bis Ende der 1980er Jahre wurde zwischen Pill und Weer Hausmüll abgelagert. In den Feldern liegen auf gut 30 Hektar 850.000 m³ Müll vergraben. Längst wächst über der Sache Gras. Wortwörtlich. Seit einigen Jahren wird saniert. Belüftet genauer gesagt. Die Kosten: ca. 7,5 Mio. Euro. Wir zahlen. Die Piefke-Saga lässt grüßen.

 

Winter(wonder)land

Berge mit Schneegarantie, Bäume mit Schneeglasur und dazu alles friedlich und ruhig. (An so ungefähr zwei Tagen im Jahr). Oder zumindest fast. Bis frühmorgens der Schneepflug seine Runden dreht. Salzig-gatschiges Ende der weißen Pracht. Graubraun statt schneeweiß. Die ersten Sonnenstrahlen auf den verschneiten Bergen. Wunderbar warmes Licht. Nur kurz. Schneefall, der alle Geräusche dämpft. Schön. Manchmal. Immer wieder.

 

Kulturlandschaft

Sie hat sich verändert, die Nutzung der Wiesen und Felder. Monster-Trucks trifft Traktor-Oldtimer-Klub, Siloballen trifft Heumandl. sorgt vielfach für die Bestellung. Die Kulturlandschaft ist auch Naherholungsraum. Auslauf für die Menschen. Und deren Hunde. Manchmal findet man sie noch, die ländliche Idylle. Fast kitschig wirkt sie. In jedes Tourismuswerbeprospekt würde sie passen. Irgendwo auf steilen Hängen, auf denen mit Maschinen kaum etwas anzufangen ist. Winkelpflanzung sagen manche und meinen Aufforstung, weil niemand sagen kann, wie lange sich das noch jemand antun will.

 

Verkehr, Lebenswege, Pendeln

Pendeln also. Dahin, wo die Arbeit ist. Von der Schlafstätte in die Stadt. Freier Personen- und Warenverkehr. Montagmorgen. LKWLKWLKWLKW. Autoschlange. Samstagmorgen. Urlaubsanreise- und –abreisestau. In die und aus der Erholung. Luftverschmutzung, Lufthunderter, Lärmschutz, Sichtbarriere. Bahn und Autobahn. Lebensadern, die die Landschaft teilen und prägen. Frei. Sein ohne Auto.

 

Sommerberge

Gerade aus einer Gondel gestiegen. Die Szenerie gleicht einem Kriegsschauplatz. Zerfetztes Holz, Mauerreste. Hier am Berg im hinteren Zillertal laufen gerade die Vorbereitungen für den Winter. Auf einem anderen Berg, der nur zu Fuß „bezwungen“ werden kann. Ausländische Touristen. Völlig fertig und in Schlapfen. Ich wollte nicht unhöflich sein und sie fotografieren. Vielleicht das nächste Mal. Sommerberge. Fluchtberge. Vor dem Alltag, vor dem Lärm, vor der Geschwindigkeit. Und Sportgerät natürlich. Vielleicht das beste, das es geben kann.

 

Heimatgefühl

Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl (habe ich mal gelesen). Mein Heimatgefühl ist an einen Berg gekoppelt. Aber es sind die Menschen, die Gefühle, die Erinnerungen, die dieses Gefühl ausmachen. Wenn ich zurückkehre und ihn sehe, weiß ich, dass ich „da“ bin. Heute ist er die „Landschaft“ über der Dachkante des Nachbarhauses. Beobachtung bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Scheinbar felsenfeste Beständigkeit.






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